DIE LEBA

Ich bin an der Leba geboren hinten im Pommernland,
an sagenreichen Mooren mir meine Wiege stand.
Dazwischen liefen Bäche und Flüsse hin und her;
die Leba war die größte, die Leba lief ins Meer.
Und weil die Leba größer als all die andern war,
da war es mir als Junge verständlich nie und klar,
warum auf den Atlanten sie nicht verzeichnet stand,
warum ich nicht die Leba in meinen Büchern fand.
So glaubte ich denn immer, entweder sei es Neid
der Geographen oder es sei Vergesslichkeit
und nahm mir vor, ich wollte von dieser Tyrannei
die Leba einst erlösen, wenn ich erwachsen sei.
Doch als ich groß geworden und sah der Länder viel,
den Tibet und den Niger, den Ganges und den Nil,
gewann ich andre Maße und merkte nun zuletzt,
ich hatte meine Leba als Junge überschätzt.
Ich kannte doch wohl damals die Erde noch zu schlecht,
 und die Gelehrten hatten mit ihren Büchern recht.
So ähnlich wird‘s uns allen wohl häufig auch ergehn,
die wir die Dinger immer mit unsern Augen sehn,
die wir das Fremde wägen nach unserm eignen Wert
 und stets den Maßstab legen daran von unserm Herd,
die an der Leba schwören, daß die, die ihren Sitz
in Gohren, anders wären, als die von Redkewitz.
Und an der Spree die Leute, die brüsten sich damit,
der Tegler sei verschieden von dem aus Moabit;
und nun erst der aus Bayern und der vom grünen Rhein,
der soll desselben Stammes gar wie der Preuße sein?
Doch wer einmal die Erde mit offnem Sinn umfuhr,
sieht in Europas Herzen ein einig Deutschland nur;
hört nicht, ob man in Sachsen ein wenig anders spricht,
 und sieht die Unterschiede, die kleinen, alle nicht,
liebt, wenn er Pommer, seine bescheidne Leba sehr,
und liebt die deutsche Heimat, die ganze, doch noch mehr.
Sieht nur das einend Gleiche, sieht nur dasselbe Blut. --
Wenn wir das alle sähen, ich glaube, es wär‘ gut!
 
Bogislav Freiherr von Selchow
(1877 – 1943)